• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 10

Katja. Ihn zu küssen war eine unvergleichlich dumme Idee. Trotzdem kam es Katja vor, als wären sie bei all den Wortgefechten der letzten Stunden umeinander gekreist, auf diesen einen Punkt zu, der sich wie eine Erlösung anfühlte. Als die zarte Haut seiner Lippen ihren Mund dann endlich traf, seufzte Katja und genoss das elektrisierende Prickeln, das von ihr Besitz ergriff.


Falsch! Das ist sowas von falsch! Das kannst du Mark nicht antun. Das gerade ziemlich schwache Stimmchen der Vernunft, das irgendwo in ihrem Hinterkopf Protest piepste, schob sie beiseite. Dafür ließ sie für den Hauch eines Augenblicks den Gedanken, dass Mark sie hinterging, zum ersten Mal wirklich an sich heran – und hakte ihn dann ab. Nur so viel blieb als Gewissheit: Sie schuldete ihm nichts.

Diese neue Form der Abgeklärtheit, die sie da spürte, mochte an Gerrit liegen. Plötzlich war nichts mehr wichtig als seine Hände, die streichelnd über ihre Seite glitten, sie näher an ihn heranzogen. Ein genussvoller Seufzer entschlüpfte ihr und vermischte sich mit seinem heißen Atem, während seine Zunge ihre Lippen streichelte.

Dennoch, er hatte es gehört und rückte leicht von ihr ab. »Alles in Ordnung?«, wollte Gerrit wissen.

Peinlich berührt registrierte Katja, dass sie wie ein Teenie-Mädchen kicherte. »Ähm ...« Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen. »Auf einer Skala von eins bis zehn ... sieben vielleicht.« Achselzuckend fragte sie sich, wann sie zuletzt so einen Blödsinn von sich gegeben hatte.

Gerrit schien das ähnlich zu sehen. »Eine Sieben?«, fragte er und schnaubte ungläubig.

»Gegenfrage: Welche Note würdest du vergeben?«

»Bisher, meine Süße, verdienst du eine glatte Neun – mit ein wenig Luft nach oben.«

Sie schmunzelte. »Du bist echt gnädig. Was muss ich tun, um eine Zehn zu kriegen?«

»Die Klappe halten – für den Anfang.« Sein Lächeln manifestierte sich in einem Grübchen, das die dunklen Bartstoppeln zusätzlich betonten.

Katja öffnete den Mund, kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen, denn schon legte sich seine Hand über ihre Lippen. Zart und doch bestimmt.

»Du hast nicht zugehört, Katja. Ich sagte: Klappe halten.« Er mimte den todernsten Ansager, doch sein Augenzwinkern nahm den Worten die Schärfe.

Noch einmal leckte sie über ihre Lippen, beugte sich dann vor, legte die Hand in seinen Nacken und zog Gerrit wieder an sich. Kaum trafen sich ihre Lippen, flutete eine himmlisch leichte Wärme ihre Glieder. Es begann mit einem leisen Kribbeln im Bauch und zog sich bis in jede noch so kleine Faser. Hach, daran könnte sie sich gewöhnen. Seine Zunge, die über ihre Lippen strich, sie streichelte, neckte. Sein Mund, der zarte Küsse auf ihre Wangen hauchte, ihre Schläfen, die genüsslich geschlossenen Lider. Er führte sie, ohne sie zu drängen.

Instinktiv wusste Katja, dass er nicht zu weit gehen wollte. Dass er diesen einen Punkt, an dem sie sich auf Mark besann und zurückzog, nicht überschreiten wollte. Dabei lag ihr nichts Ferner. In diesen kurzen, kostbaren Augenblicken mit Gerrit hatte sich, ohne dass sie bewusst darüber nachgedacht hätte, eine Gewissheit manifestiert: Mark hatte sie betrogen. Sie wollte ihn nicht zurück.

Als Gerrit sich nach einer kleinen Ewigkeit losmachte, schlug Katja frustriert die Augen auf. »Was?«, brachte sie atemlos hervor.

Statt zu antworten, verzog er die Mundwinkel zu einem ironischen Grinsen, schob leicht die Hüfte vor und ließ sie spüren, wo das Problem lag.

»Oh!«

»Besser hätte ich es nicht ausdrücken können«, erklärte er in einem Ton, der das ironische Grinsen unterstrich.

»Dann ... machen wir eine Pause.«

»Gute Idee.«

Hm, sie hatte es vorgeschlagen. Also was störte sie jetzt an der Bereitwilligkeit, mit der er den Vorschlag annahm? Während sie zurück zu ihrer Yoga-Matte robbte, ließ sie es sich durch den Kopf gehen. War er am Ende nicht halb so angetan von ihr, wie es umgekehrt der Fall war? Fand er sie denn nicht reizvoll?

»Ich sehe es dir an!« Gerrit, die abgeklärte Version Gerrits, die sie ganz zu Beginn im Fahrstuhl kennengelernt hatte.

»Was siehst du?«, bemühte sie sich um einen ebenso neutralen Ton.

»Na, was du denkst.« So sachlich, als würde er einen Artikel aus dem Bundesanzeiger vorlesen.

»Da bin ich aber gespannt.« Gut, das hatte jetzt leicht schnippisch geklungen, doch das machte nichts. Sollte er ruhig merken, dass sie mit der Situation überfordert war.


Gerrit seufzte. »Ganz einfach: Du fragst dich, ob ich dich nicht will. Richtig?«

Gnarr, wieso wusste er tatsächlich immer, was in ihrem Kopf vor sich ging? Katja sprach es nicht aus, aber sie nickte.

»Dann ist die Antwort: Ich will dich. Nur nicht hier auf diesem dreckigen, abgeschabten Teppichboden. Außerdem habe ich keine Kondome dabei. Darum müssen wir uns wohl oder übel vertagen, denn ich schätze, auch in deiner Yoga-Tasche werden wir keine finden. Sobald wir hier raus sind, werde ich schick mit dir ausgehen und dich anschließend nach allen Regeln der Kunst verführen – wenn du Lust hast.«

»Lust ...« Herrje, klang ihre Stimme piepsig. Sie räusperte sich. »Lust ist in dem Zusammenhang ein ... ein ziemlich doppeldeutiges Wort.«

»Was meinst du, warum ich es gewählt habe?« Er grinste. Breit und jungenhaft und herrlich offen.

Sie erwiderte es, ja, strahlte regelrecht. »Du bist ein Spinner.«

»Ja, das habe ich gelegentlich schon zu hören gekriegt. Auch wenn ich es für eine fundamentale Fehleinschätzung halte.« Er streckte die Hand vor, griff eine ihrer blonden Haarsträhnen und wickelte sie um seinen Finger.

Katja spürte eine Gänsehaut in ihrem Nacken. Ein leiser Schauer rann über ihren Rücken. Kein ungutes Gefühl. Eher erwartungsvoll, vorfreudig. »Lass mich raten: An dem Tag, an dem das Selbstbewusstsein verteilt wurde, hattest du einen gesunden Appetit?«

»An diesem und an dem, an dem es mathematische Fähigkeiten, umwerfenden Charme, eine athletische Figur, das betörende Lächeln und Humor gab. Du siehst, ich bin überreich beschenkt.« Er lachte.

Katja stimmte ein, ehe sie ergänzte, »du hast den Größenwahn vergessen.«

»Gar nicht! Es kommt dir nur so vor, weil ich perfekt bin. Aber du wirst sehen – ich habe eher tiefgestapelt.« Diesmal lachte er nicht laut. Dafür blitzten seine Augen so unternehmungslustig und voller Schalk, dass es auch im spärlichen Schein der Notbeleuchtung gut zu sehen war.

»Also disziplinieren wir uns«, fasste sie zusammen. »Ich habe Papier und Stift dabei. Wie wäre es mit einer Runde Schiffe versenken

Gerrit verdrehte die Augen. »Ich wüsste da etwas Besseres.«

»Etwas, das wir ohne Kondome spielen können? Ich bin ganz Ohr.«

Sie wusste nicht zu sagen, wie er es schaffte, gleichzeitig zu ihr herüber zu robben und sie mit einer lässigen Drehbewegung auf sich zu heben, doch er brauchte nur Sekundenbruchteile und schon lag sie auf ihm.

»Küss mich!«, forderte Gerrit.

»Hast du mir nicht gerade erklärt, dass das eine dumme Idee ist?«

»Stimmt, aber ich kann nicht immer Recht haben. Also: Klappe halten und küssen.«

Mit rasendem Herzen, den Blick fest mit seinem verwoben, beugte sie sich herab. Ihre Lippen fanden seine, während Gerrit die Hände auf Wanderschaft gehen ließ. Er streichelte ihren Rücken hinab, schloss die Hände um ihren Po, zog sie näher an sich und ließ sie seine Erregung spüren.

Immer heftiger atmend rangen ihre Zungen miteinander. Katja vergaß alles um sich herum. Bis sie neben sich ein tiefes, brummiges Räuspern vernahm und auf ein Paar ziemlich plumper Arbeitsschuhe guckte, die direkt aus dem Boden gewachsen sein mussten. Erschreckt fuhr sie hoch und guckte vor zwei Knie in einem ausgebeulten Blaumann.


Weitere Teile des Blogromans »48 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer donnerstags und montags.


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