• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 12


Dass Gerrit nicht begeistert war, sah sie ihm an. Klar könnte sie ihm sagen, dass seine schicke Maisonette-Wohnung sie ein wenig einschüchterte. Auch wenn die lange nicht so steril und durchgestylt war, wie Katja befürchtet hatte.

Sie probierte es mit etwas Versöhnlichem. »Hey, es war nicht böse gemeint. Nur ...« Katja brach ab. Verdammt, sie sollte sich endlich angewöhnen, sich zumindest die Entschuldigung zurechtzulegen, wenn sie nicht gleich ins nächste Fettnäpfchen springen wollte.

Und natürlich hatte Gerrit es gehört: »Nur was?«

»Nur ... ich habe halt einen komplett anderen Musikgeschmack.«

»Das freut mich. Mein Geschmack ist es auch nicht. Die Sammlung ist in der Tat von meinem Opa. Also kein Grund, sich zu entschuldigen.« Beim Reden hatte Gerrit sein völlig zerknautschtes Jackett abgestreift und lässig über die Lehne einer riesigen Sofalandschaft geworfen. Nun zückte er sein Handy, tippte darauf herum und steckte es in eine Halterung. Gleich darauf erklang eine Oboe.

»Hey, Parov Stelar, sehr gut«, lobte Katja und wippte im Takt zu dem bläserlastigen Elektro-Swing, der aus diskret angebrachten Boxen den Raum beschallte.

Und da standen sie nun. Sie konnte sich nicht helfen, im Lift und später im Flur waren sie ungezwungener miteinander übergegangen. Vielleicht, weil sie ohne ihr Zutun eingesperrt gewesen waren. Ein Los des Schicksals. Hier sah es anders aus. Sie konnten sich nicht auf den Zufall herausreden. Sie war hier, weil sie es wollte – wie Gerrit sie eingeladen hatte, weil er es wollte. Und damit begann das Ausloten. Wie viel wollte der andere? Was war man selbst bereit zu geben? Die Fragen standen im Raum, ohne dass Katja eine Antwort gehabt hätte.

Ein wenig verkrampft ging sie zu den Panorama-Scheiben. Draußen dämmerte bereits der Morgen, tauchte Hochhäuser, die wie abgebrochene Zähne in die Landschaft ragten, in ein unwirklich diffuses Licht aus bleiernem Grau und einem Hauch von Gelb. Das erste Musikstück endete.

Katja drehte sich um und fand Gerrit lässig in einen Türrahmen gelehnt. Die Beine überkreuzt, die Hände in die Hosentaschen geschoben stand er da und beobachtete sie.

Prompt rumorte ihr Magen. Sie wusste nicht, ob vor Nervosität oder Hunger. Egal. Es war eine willkommene Ausrede, um nicht länger wie angenagelt dazustehen.

Katja zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Wo ist denn die Küche?«

Gerrit erwiderte das Lächeln, nur wirkte es bei ihm nicht gequält. »Du setzt die richtigen Prioritäten.« Er stieß sich vom Türrahmen ab und nickte in Richtung Flur: »Da entlang.«

»Hast du keine Angst, dass ich deinen Kühlschrank plündere, wenn du mir den Vortritt lässt?«

»So, wie du aussiehst, mache ich mir keine Sorgen, leer auszugehen.« Er lachte leise.

Gott, wie jemand es fertigbrachte, mit einer so simplen Geste derart anziehend zu wirken? Das war wirklich ungerecht. Sie könnte Stunden vor dem Spiegel zubringen, bis sie aussah wie die beste Version ihrer selbst und sich danach ausgesucht liebenswürdig geben, ohne so einnehmend zu sein wie er.

»Halt dich links«, sagte Gerrit und Katja zuckte zusammen.

Langsam wurde es echt nervig, sich so eingeschüchtert zu fühlen. Zumal er ihr nicht zu nahe trat oder sonst etwas unternahm, das ihr Grund gegeben hätte, so verhuscht zu sein. Kopfschüttelnd schlug sie die vorgegebene Richtung ein und fand sich in einem Raum wieder, der so makellos war, dass Katja sich fragte, ob hier je gekocht worden war.

Die Wand war über und über mit Türen gepflastert. Groß klein, alle weiß und glänzend. Dazwischen waren zwei Backöfen, ein Dampfgarer, eine Mikrowelle und ein ultraschicker Kaffeeautomat.

»Sagst du mir, wo der Kühlschrank ist?« Anzeichen gab es nicht. Und wenn Katja ehrlich war, rechnete sie auch nicht mit viel Essbarem.

Umso erstaunter war sie, als sie die Fülle sah. »Mein Gott, hast du Edeka überfallen?«

Gerrits Erstaunen war so echt, dass Katja sich gleich wieder auf die Zunge biss.

»Was denkst du, wie ich mich ernähre? Im Drive-In?«

»Tut mir leid, hier ist alles so ... so sauber«, sagte Katja ungläubig und wäre im nächsten Moment gern vor Scham im Boden versunken. Das klang ja, als würde ihre Küche im Dreck versinken. Konnte nicht bitte jemand kommen und ihr das Nudelholz über den Kopf ziehen?

»Na ja, ich bin selten hier, also kommt dreimal die Woche jemand und kümmert sich um die Wohnung. Wäre seltsam, wenn sie in der Zeit nicht aufräumen würde. Findest du nicht?«, frotzelte Gerrit, ehe er unternehmungslustig in die Hände klatschte sich neben sie stellte. So dicht, dass Katjas Herz gleich wieder in Rhythmusstörungen verfiel. »Also: Worauf hast du Appetit?«


»Wie wäre es mit ...« Sie griff nach einem Paket Eier und einer Schale mit Champignons. »Omelette?«

Gerrit nahm ihr die Zutaten ab. »Ich koche. Du setzt dich und lässt dich verwöhnen. Oder möchtest du dich frisch machen?«

Katja nickte. Eine kleine Auszeit von seiner charmegeladenen Gegenwart konnte nicht schaden.

»Also von mir aus geh in der Zwischenzeit duschen. Ich glaube zwar nicht, dass dir etwas von meinen Sachen passt, aber du darfst dich gern bedienen.« Er lief einfach los.

Katja stolperte hinter ihm her durch die großzügig geschnittene Wohnung und eine Treppe hinauf, bis Gerrit so abrupt stehenblieb, dass sie beinahe in seinen Rücken krachte.

»Hier in der Kommode sind T-Shirts. Jogginghosen eine Schublade tiefer.« Er fasste sie bei der Hand, was das mittlerweile wohlbekannte Kribbeln auslöste, und zog sie in ein Bad, das gleich neben dem Ankleidezimmer lag.

Als das Licht anging, blinzelte Katja. Alles da. Eine riesige Dusche mit gleich zwei Regenwasser-Köpfen und gemauerten Sitzbänken. Dazu eine große Badewanne mit lauter Sprudeldüsen, die in ein Podest eingelassen war.

Gerrit öffnete einen Wandschrank und begann zu kramen. »Wusste ich’s doch. Ich habe immer ein bisschen was für Gäste da.« Damit förderte er Duschgel mit weiblicher Duftnote, Shampoo und eine verpackte Zahnbürste zu Tage. »Ruf einfach, wenn du fertig bist. Dann gebe ich die Eier in die Pfanne.«

Er hatte es so eilig zu verschwinden, dass Katja endlich kapierte: Er mochte cool tun, aber er war mindestens so kribbelig wie sie. Das beruhigte sie ungemein. Rasch streifte sie das Kleid ab, da fiel ihr ein, dass sie sich nichts aus den Schubläden genommen hatte. Aber in dem knittrigen, verschwitzten Blümchenkleid mochte sie sich nicht an den Tisch setzen.

Und wenn schon? Gerrit war in der Küche beschäftigt. Also huschte sie in BH und Höschen zurück ins Schlafzimmer. Das heißt, sie wollte huschen, denn kaum hatte sie die Badezimmertür geöffnet, rannte sie vor seine Brust. Ein Aufprall, als hätte er eine Barrikade errichtet. Doch das war Katja egal. Den Blick mit seinem verwoben stand sie da und atmete schwer – ebenso wie er.

»Hast du ...« Gerrit räusperte sich, »... etwas vergessen?«

»Hm, ich ...« Kaum hatte sie den Mund geöffnet, glitt sein Blick zu ihren Lippen. Nervös leckte sie darüber, was Gerrit hart schlucken ließ. Dabei wanderten seine Hände zu ihren Hüften. Sie fühlten sich himmlisch warm und rau zugleich an, strichen über die zarte Haut, fassten zu, zogen Katja näher an sich.

Sie ließ sich willig von ihm führen. Und warum auch nicht? Mark war weit weg. Mit wem immer er sich gerade vergnügte, es kümmerte sie nicht. Nicht mehr. Sehnsüchtig hob Katja sich auf die Zehenspitzen und strich mit der Zunge zart über Gerrits Lippen.

Endlich – dachte sie.

Er sprach es aus. »Du ahnst nicht, wie ich mich zurückhalten musste, um das nicht schon viel eher zu tun.«

Katja lachte leise, wobei ihr Atem sich mit seinem mischte, während Gerrit sich hinab beugte und sie so küsste, wie sie es sich die ganz Zeit gewünscht hatte.

Ein ungeduldiges Seufzen floss über Katjas Lippen. Zärtlich schmiegte sie sich an Gerrits Brust, die von störendem Stoff verhüllt war, und gab sich dem Kuss hin, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Immer drängender, forscher ließen sie ihre Hände auf Wanderschaft gehen – bis ein lauter, wohltönender Gong durch die Wohnung schallte und Gerrit zusammenzuckte.

Weitere Teile des Blogromans »48 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer montags und donnerstags.

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