• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 13



Gerrit. »Shit, das hatte ich total verdrängt.« Gerrit zuckte entschuldigend die Achseln, sprang auf und hetzte zur Tür.

Als er den Hörer der Gegensprechanlage abhob, wurde ein Bildschirm sichtbar und darin – breit grinsend – das Gesicht seines Freundes Anton.

»Lass mich raten: Du hast verschlafen?«

»Nicht ganz!«, brummte Geriet.

»Also hast du nicht allein verpennt? Klingt spannend. Wenn du jetzt noch den Türdrücker betätigen könntest? Es nervt ein bisschen, mich mit der Sprechanlage zu unterhalten.«

Klar, er konnte Anton sehen. Umgekehrt war das nicht der Fall. »Können wir uns nicht einfach vertagen? Wir gehen nächstes Wochenende laufen.«

»Bist du irre? Ich habe mich doch nicht so früh aus dem Bett gequält, um allein am Fluss entlang zu rennen. Außerdem war es deine Idee. Du hattest Gesprächsbedarf. Vergessen?«

Nein, das hatte Gerrit nicht. Anton war Unternehmensberater in einer angesehenen Wirtschaftskanzlei. Vom Steuerberater über Umstrukturierungsspezialisten bis hin zum Interimsmanager war alles vertreten. Wenn ihm jemand raten konnte, wie man Brandner wieder auf Kurs brachte, war es Anton – und dessen Zeit war knapp bemessen. Deshalb hatten sie sich ja auf diesen frühen Termin am Samstag geeinigt.

Gerrit seufzte: »Komm rauf!« Er betätigte den Türdrücker und überlegte, wie er das Katja beibringen sollte. Schließlich war sie nicht mit in seine Wohnung gekommen, um allein hier zu hocken.

Er hatte noch keine plausible Erklärung gefunden, als er sich umdrehte und sie hinter sich fand. Sie schien nicht verärgert.

Im Gegenteil spielte ein Lächeln um ihre Lippen. »Widerliche Zeit, um joggen zu gehen, wenn du mich fragst«, sagte sie und sah ihn gespannt an.

»Na ja, ich ... was hast du mitgehört?«, fragte er, um nicht alles zu wiederholen.

»Dass du Gesprächsbedarf hast. Also los, schwing dich in deine Laufschuhe. Ich nehme an, es wird nicht ewig dauern?«

»Eine Stunde, maximal. Anton legt ein ziemliches Tempo vor. Obwohl, wenn wir beim Laufen reden, brauchen wir länger. Gib mir zwei Stunden. Nimm dir aus dem Kühlschrank, was du willst. Danach bin ich dein williger Sklave und zaubere dir ein Omelett.«

Kopfschüttelnd, mit gespielter Strenge sah sie ihn an, da klopfte es auch schon an der Tür. Katja wickelte das Handtuch fester um ihre zarte Gestalt. »Willst du nicht aufmachen?«

»Wenn es dir nichts ausmacht?«

»Ach, ich bin gelegentlich schon im Bikini rausgegangen. Dagegen bin ich jetzt geradezu angezogen.«

Ergeben öffnete Gerrit und fand sich einem breit grinsenden Anton gegenüber, der ihn aber gar nicht beachtete. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf Katja. »Guten Morgen!«

Es gefiel Gerrit nicht, wie zielstrebig Anton auf sie zuhielt. Katja war kein Betthäschen, das sich von einem zum anderen reichen ließ. Und selbst wenn sie so drauf wäre. Gerrit war nicht geneigt, sie zu teilen. »Wenn du dich kurz auf mich konzentrieren könntest?«, rief er sich in Antons Erinnerung. Es fiel etwas harscher aus als beabsichtigt.

Was Anton dazu reizte, belustigt die Brauen zu heben.

Auch in Katjas schönen Augen blitzte Schalk auf.

Wunderbar. Er fühlte sich wie ein waschechter Idiot. »Ich ziehe mich kurz um. Bedien dich in der Küche, wenn du magst«, forderte er Anton auf. Was Quatsch war. Nur fiel ihm nichts Besseres ein. Er verabschiedete sich und rannte förmlich nach oben, um sich umzuziehen und Anton so schnell wie möglich aus Katjas Dunstkreis zu bugsieren.

Sie schien das anders zu sehen. Als er die Treppe wieder herunterkam, lachte sie glockenhell und schien sich prächtig über Anton zu amüsieren. Der stand vor ihr, gestikulierte wild und erzählte die Geschichte vom Junggesellenabschied eines Freundes.

»Und wo habt ihr ihn dann wieder aufgegabelt?«, fragte Katja eben.

Anton lachte. »Gar nicht. Er war verschwunden und ist am nächsten Morgen total verkatert und unrasiert in der Kirche aufgetaucht. Er schwört heute noch, dass er einen Filmriss hatte. Wer’s glaubt?« Anton zwinkerte Katja zu.

Die fand das anscheinend nicht so komisch. Vermutlich galt ihre Sympathie der Braut, der mit dem Ja-Wort des Bräutigams eine widerwärtige Alkoholfahne ins Gesicht geweht war.

»Ah, da bist du ja«, geruhte Anton, ihn zu bemerken. »Wollen wir los?« Es klang richtig unternehmungslustig. Nur wollte der bedauernde Blick, mit dem er Katja bedachte, nicht dazu passen.

Falls es ihr auffiel, ging sie nicht darauf ein, verabschiedete erst Anton, dann Gerrit.

Der atmete auf, als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fiel und er gemeinsam mit Anton das Haus verließ.

»Sagst du mir, wo du die Kleine gefunden hast?«, wollte Anton wissen, kaum dass sie in einen zügigen Trab gefallen waren und den Weg zum Fluss eingeschlagen hatten.

Gerrit seufzte. »Finger weg. Katja ist etwas Besonderes.«

»Hm, deshalb habe ich gefragt.« Anton lachte unbekümmert auf und zog das Tempo leicht an. »Also: Welchem Umstand verdanke ich diese Verabredung? Läuft es bei Brandner nicht so, wie du es dir erhofft hast?«

»Wie ich es mir erhofft habe? Glaub mir, davon sind wir meilenweit entfernt.« Gerrit erklärte seinem Freund, wie die Dinge lagen.

Der gab hin und wieder ein Zischen von sich oder brummte bedeutungsschwer. »Weißt du, dass ich dich um die Aufgabe beneide?«

Gerrit traute seinen Ohren kaum. »Ein marodes Unternehmen zu führen?«

»Genau. Du weißt doch, wie man sagt: Never change a running system. Wenn du also in eine Firma kommst, in der es gut läuft, kannst du so gut wie keine eigenen Akzente setzen. Es läuft, ob du da bist oder nicht. Bei Brandner jedoch, da darfst du so richtig aufräumen, Visionen entwickeln, sie umsetzen und dabei den ganzen Laden umkrempeln. Ist vielleicht mühselig, aber eine echte Herausforderung. Du kannst nur gewinnen, denn egal, was du machst, es ist ein Schritt in Richtung Zukunft.«


So hatte Gerrit es noch nicht betrachtet. Und selbst jetzt, wo Anton davon redete, fiel es ihm schwer. »Dir ist klar, dass hunderte Arbeitsplätze daran hängen? Wenn ich den Karren vor die Wand fahre ...«

Anton, der schon leicht schnaufte, fiel ihm ins Wort. »Na und, denkst du, die Firma würde sich von allein erholen, wenn du nicht eingreifst? Nein, mein Lieber, egal was du tust, es wird besser sein als das, was gerade passiert.«

Gerrit wollte darüber nachdenken. Das Problem war, dass Katja sich in seine Gedanken stahl, sobald Anton auch nur für eine Sekunde die Klappe hielt. Wie sie da gestanden hatte, mit zerzaustem Haar, nur in das Handtuch gewickelt – gut, sie trug noch ihre Unterwäsche, aber das tat nichts zur Sache –, wäre er am liebsten über sie hergefallen. Irgendetwas hatte sie an sich, das zugleich seine Urinstinkte und sein Herz ansprach. Er wollte sie fühlen, schmecken, küssen ...

Gerrit seufzte. »Lass uns die Brücke nehmen und zurücklaufen«, schlug er vor.

Anton lachte leise. »Du willst freiwillig abkürzen? Hat’s das schon mal gegeben?«

»Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Wie du weißt, habe ich Besuch.«

»Hm, ein sehr ansprechender Gast. Und nur, damit du mich nicht für einen Idioten hältst. Ich habe mitbekommen, dass du nicht auf meine Frage geantwortet hast.«

»Welche Frage?«, gab Gerrit betont gelangweilt zurück.

Anton quittierte das mit breitem Grinsen. »Komm schon, tu uns beiden einen Gefallen und spiel nicht den Idioten. Ich merke doch, dass dir an der Kleinen etwas liegt. Jedenfalls mehr als an deinen üblichen Bar-Bekanntschaften. Was stört es dich, dass man es dir anmerkt?«

Mittlerweile hatten sie Antons schnittigen Sportwagen erreicht, der direkt vor Gerrits Tür parkte.

»Nimm’s mir nicht übel. Aber normalerweise erwacht dein Jagdtrieb, sobald du siehst, dass ein anderer mit etwas glücklich ist. Manchmal denke ich, dass du dir einredest, du müsstest dir die Glücksquelle eines anderen nur unter den Nagel reißen, damit du selbst glücklich wirst.«

Antons Miene wurde weicher. »Was, wenn ich dir sage, dass ich dich glühend beneide? Nicht um die Kleine. Ich meine, sie ist toll, aber eigentlich nicht mein Typ. Nein, was ich meine ist das, was sie in dir auslöst. Und dass du dich darauf einlassen kannst.«

Konnte er das? Gerrit wusste es nicht. Katja und ihn trennten Welten. Wäre da nicht diese magische Anziehung, die sie auf ihn ausübte. Aber das würde er garantiert nicht mit Anton besprechen. Was sollte er auch sagen? Er wusste ja selbst nicht, wie bereit er für Neues war.

Anton, der ihn aufmerksam beobachtet hatte, nickte. »Hm, dachte ich mir, dass du mal wieder mit dir haderst. Schwamm drüber. Und was die Firma betrifft, ich habe noch diese Woche bei einem Kunden zu tun und anschließend ein paar freie Tage. Wenn du magst, komme ich in der Firma vorbei und sehe mir das Ganze etwas genauer an.«

Gerrit war erleichtert. »Danke, du hast echt was gut bei mir.«

Anton grinste. »Wir werden sehen. Vielleicht hat du ja schon bald die Nase voll von der kleinen Handtuch-Werbung. Dann darfst du mir gern ihre Nummer geben.« Nach der frechen Bemerkung trat er einen Schritt zurück.

Zu spät, denn prompt landete Gerrits Faust – wenn auch spielerisch – auf seinem Oberarm. Er verabschiedete sich knapp und ging ins Haus. Jetzt konnte er selbst eine Dusche brauchen. Anschließend würde er ein Omelett zaubern, das Katja umhaute.

Doch die brauchte kein Frühstück, wie es schien. Sie hatte sich mit einem Buch in den Sessel gekuschelt. Gefesselt hatte es sie offenbar nicht, denn es lag aufgeklappt neben ihr, während sie schlief.

Einen Moment stand Gerrit unschlüssig da und beobachtete sie. Dann gab er sich einen Ruck, riss sich los und sprang unter die Dusche. Ihm blieben etwas weniger als dreißig Stunden mit Katja, ehe das Wochenende vorbei war. Trotz der Müdigkeit hob der Gedanke seine Stimmung. Die prasselnde Brause wie ein Mikrofon auf seinen Mund gerichtet, begann er lauthals, einen alten Stones-Titel zu schmettern. Und dabei wusste er nicht, wann er sich zuletzt so frisch und energiegeladen gefühlt hatte.


Weitere Teile des Blogromans »48 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer donnerstags und montags.

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