• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 15


Gerrit. Katja schlief tief und fest. Ihr Atem ging ruhig. Nur dann und wann seufzte sie leise und bewegte sich dabei in Gerrits Armen.

Er selbst war seit einer halben Stunde wach. Doch während er sonst problemlos aus dem Bett kam, hätten ihn jetzt keine zehn Pferde von hier weggebracht. Er war völlig zufrieden damit, Katja zu halten und sie zu betrachten. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, schob er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und beobachtete ihre weichen Züge. Selbst jetzt, im Schlaf, spielte ein leises Lächeln um ihre Lippen. Die seidigen Wimpern lagen wie dunkle Fächer auf der weichen Haut. So hing er seinen Gedanken nach, als die feinen Härchen um Katjas Augen zu flattern begannen.

»Seit wann beobachtest du mich?«, murmelte sie mit schlafrauer Stimme und hob leicht die Lider.

Er seufzte, spielte den Ertappten. »Darf ich die Aussage verweigern?«

»Du ...?« Sie schüttelte den Kopf, als sei sie unsicher, sich verhört zu haben.

»Na ja, es ist ... pubertär. Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du auf die Antwort verzichtest.«

Einen Moment blieb es still, dann brach Katja in helles Kichern aus.

»Ich sag’s doch: pubertär«, maulte Gerrit und tat verstimmt, ohne sich das Grinsen verkneifen zu können.

Was Katja nur noch lauter giggeln ließ. »Das ist es nicht«, sagte sie und schmiegte zärtlich eine Hand um seine Wange. »Ich kann nur nicht glauben, dass du der Mann bist, den ich gestern erwürgen wollte, weil er mich gefeuert hat. Und jetzt sieh uns an: Wir liegen hier, als wären wir seit ewigen Zeiten ein Paar.«

Ob sie damit sagen wollte, dass sie wie ein sittsam ergrautes Ehepaar beieinanderlagen? War es am Ende gar eine Aufforderung, etwas an diesem unbefriedigenden Status quo zu ändern? Oh Shit, wie er es hasste, sich gedanklich im Kreis zu drehen. Er war ein Mensch, der Dinge aussprach, weil ihn so ein Bullshit-Eiertanz wahnsinnig machte. Meist war er damit gut gefahren. Wieso nicht auch jetzt?

Er holte tief Luft: »Falls du dich langsam an die Frage nach dem Sex herantastest – meinetwegen musst du kein Blatt vor den Mund nehmen.« Genau das war es nämlich, was ihn seit dem Aufwachen verrückt machte. Katjas Wärme, ihre langen, schlanken Beine, nackt, mit seinen verhakt.

Sie blinzelte. »Oh!«

»Oh im Sinne von ja?«

»Ähm ... ja.«

»Gut, dann kommt hier die frohe Botschaft: Ich hätte sehr gern Sex mit dir. Apäter, wann immer du dazu bereit bist. Aber am allerliebsten jetzt sofort.«

Ihm gefiel, wie ihre zarten Lippen erneut ein O formten, nur war es diesmal lautlos.

»War das wieder ein Ja?«

»Das war ...« Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. »Sowas von einem Ja!«

Übergangslos zog Gerrit Katja enger an sich, was sie sich zu gern gefallen ließ. Mehr noch, sie küsste ihn. Erst zärtlich, dann mit zunehmender Intensität, ließ ihre Hände auf Wanderschaft gehen, streifte sein Shirt ab und seufzte sehnsüchtig, als sie seine nackte Haut berührte. Leicht wie Schmetterlingsflügel fuhren ihre Fingerspitzen die Konturen seiner Muskeln nach, ehe sie sich enger an ihn schmiegte.

Als Gerrit sie von sich schob, protestierte sie mit einem unwilligen Laut, kriegte sich aber wieder ein, als er ihr das Shirt über den Kopf zog. Dann war lange nichts zu hören außer atemloses Keuchen und Seufzer des Gefallens. Sie liebten sich an diesem Nachmittag zweimal. Stürmisch und zart, näherten sich voller Ungeduld und doch sanft. Es gefiel ihm, wie unverstellt sie sich zeigte, lustvoll und unprätentiös.

Selbst als er sie mit sich unter die Dusche zog, machte sie keine Anstalten, schamhaft zu tun. Dabei hätte es ihn nicht gewundert. Schließlich kannten sie sich kaum. Doch das hielt sie nicht davon ab, ein drittes Mal unter der Dusche mit ihm zu schlafen. Erschöpft und gelöst kehrten sie ins Wohnzimmer zurück.

»Du darfst wählen, was es zum Abendessen gibt.«

»Zwischen was wählen? Hältst du mir jetzt die Karten von einem Döner-Imbiss, dem Griechen um die Ecke und der nächstgelegenen Pizzeria unter die Nase?«

Er stupste ihr spielerisch in die Seite. »Spinnerin. Du hast echt ein Problem mit deinem Gedächtnis. Erinnerst du dich, wie gut gefüllt mein Kühlschrank ist? Schau einfach rein und sag mir, worauf du Appetit hast.«

Katja entschied sich für Steaks, die Gerrit auf dem Balkon grillte, und einen gemischten Salat. Während er das Dressing anrührte, deckte Katja den Tisch und stibitzte ein paar Kerzenleuchter vom Kaminsims, die dem Abendessen einen romantischen Anstrich gaben.

»Seltsam, obwohl ich in deinem Leben absolut fremd bin, fühlt es sich an, als würde ich hierher gehören.« Katja schob den leeren Teller von sich und sah ihn forschend an.

»Falls du erwartest, dass ich schreiend weglaufe, weil du mir zu sehr auf die Pelle rückst, muss ich dich enttäuschen. Ich genieße jede Minute mit dir.«

»Geht mir ähnlich.«

»Dann frage ich mich, warum du auf Teufel komm raus ein Haar in der Suppe suchst.«


»Wie kommst du denn darauf?«, fragte sie und man musste kein Empath sein, um zu erkennen, dass sie sich ertappt fühlte.

»Du kannst mit dieser Situation ebenso wenig anfangen wie ich. Nur nimmst du es im Gegensatz zu mir nicht einfach hin. Du sorgst dich, ich könnte dich vor die Tür setzen, sobald unsere 48 Stunden um sind. Was ich bestimmt nicht tun werde.«

»Tust du nicht?«

»Nope. Ich gedenke, die volle Zeit auszukosten. Und noch mehr – wenn du mich lässt.«

Katja holte tief Luft. Er wusste, dass sie sich überwinden musste, um in dieser bizarren Situation offen über ihre Gefühle zu sprechen. »Genau das ist es, was mir Sorgen macht. Wieso hat ein Mann wie du keine Freundin? Sammelst du Mädchen auf, genießt zwei Tage lang den Zauber des Neuen und entsorgst sie dann?«

Gerrit beugte sich über den Tisch und legte beide Hände um Katjas Wangen. »Für ein Mädchen, das clever ist, sagst du manchmal reichlich idiotische Dinge.« Er lachte leise. »Ich habe es dir doch gesagt: Ich weiß nicht, wohin es führt, aber ich will mich darauf einlassen.«

»So einfach ist das für dich? Tut mir leid, wenn du in mein Innerstes gucken könntest, würdest du sehen, dass mein Kopf und mein Herz einen erbitterten Kampf ausfechten. Rational weiß ich, dass du zu gut bist, um wahr zu sein. Andererseits will ich das hier. Und auf die Gefahr, mich zu wiederholen: So leicht ist das für mich nicht.« Ihr Blick drückte die pure Ratlosigkeit aus.

Er lächelte schwach. »Nein, ist es wirklich nicht. Zumal ich mein Leben aufgeräumt und klar strukturiert mag. Und an diesem Punkt hatte ich die Wahl: Ich lasse dich gehen und mache in meiner festgefahrenen Ordnung weiter. Oder ich lasse mich auf dieses Abenteuer ein. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Also stelle ich es nicht mehr in Frage. Nicht, solange du mir guttust.«

Katja erhob sich halb vom Sitz, beugte sich über den Tisch und küsste ihn hingebungsvoll. »Du ahnst nicht, wie mich das beruhigt. Ich würde gern glauben, dass das mit uns irgendwo hinführt.« Seufzend lehnte sie sich wieder zurück.

»Wieso zweifelst du so sehr?« Er stand auf, kam zu ihr, zog sie von ihrem Stuhl hoch. »Liegt es daran, dass wir uns nicht an die gängigen Dating-Regeln halten.«

»Es gibt gängige Dating-Regeln?« Sie lachte.

»Jep. Er lädt sie zum Essen ein. Es folgt die obligatorische Diskussion, wer was zahlt, der verdruckste Abschied vor dem Restaurant. Nächstes Treffen bei einem Konzert oder in einer Galerie, bevor sie nach dem dritten Date gemeinsam nach Hause gehen. Erster Kuss, erster Sex. Schließlich hat man bei den Dates ja schon alle wesentlichen Fragen abgehakt, sich über die Lebenspläne des anderen informiert, sie mit seinen abgeglichen.« Gerrit zuckte die Achseln. »Soweit ich weiß, funktioniert es so. Nur hat es mich bisher nicht glücklich gemacht. Zumindest nicht auf lange Sicht.«

»Stimmt.« Katja runzelte die Stirn.

»Du denkst an Mark.«

»Du hast dir seinen Namen gemerkt?«

»Na hör mal, du bist mit ihm zusammen. Ich kann nicht sagen, dass mich die Aussicht begeistert. Irgendwann kommt er zurück. Stell dir vor, bis dahin läuft es gut mit uns. Der Gedanke, dann Geschichte zu sein, ist alles andere als prickelnd.«

Katja schüttelte den Kopf. »Ich wollte es mir bisher nicht eingestehen. Aber ich schätze, dass eher Mark und ich Geschichte sind. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass er eine andere hat. Aber so etwas klärt man nicht per Skype vor dem Rechner. Ich wollte warten, bis er wieder zurück ist. Und wahrscheinlich ...« Katja zog Gerrit mit sich zum Sofa.

»Wahrscheinlich was?«

»Na ja, wie das so ist. Solange eine Sache nicht ausgesprochen ist, kann man sich sehr gut selbst belügen. Wie gesagt, ich wollte es mir nicht eingestehen. Schließlich waren wir glücklich, bis er gegangen ist. Ich dachte, das könnten wir wieder sein.«

»Dachtest?«

»Du wirst jedes meiner Worte sezieren, bis du deine Antwort hast, richtig? Also gut: Ich dachte – Vergangenheitsform. Es gibt da nämlich so einiges, was im Argen liegt.«

»Zum Beispiel.«

»Sag mal, hast du vor, mich mit einer Stehlampe zu blenden und ans Sofa zu ketten?«

»Nein, meine Verhörmethoden sind subtiler.« Gerrit seufzte. »Tut mir leid, wenn du dich in die Enge gedrängt fühlst, aber wenn ich mich auf das hier einlasse, muss ich wissen, woran ich bin.«

Katja legte die Stirn in Falten, sah ihn aufmerksam an, schaute dann blicklos in den Raum. »Es sind so viele Kleinigkeiten. Zum Beispiel frage ich jedes Mal wie es ihm geht, wie es im Hotel läuft, ob er gut mit den Kollegen zurecht kommt ... solche Dinge halt. Nur dass er im Gegenzug nichts fragt. Ich meine, ich habe mich selbstständig gemacht, meine Partnerin ist schwanger geworden und ausgestiegen. Das hat ihn alles nicht interessiert. Er hat nicht einmal nachgehakt, wenn er mich überhaupt zu Wort kommen lässt. Wie ich zurechtkomme, wie es mir geht, all das ist nicht Thema. Anfangs ist es mir gar nicht so aufgefallen. Was er von Afrika und seinem Job erzählt hat, war so neu und anders. Aber jetzt ... jetzt hat jedes Gespräch einen faden Beigeschmack. Ich lauere förmlich darauf, dass er Interesse zeigt, weil ich das nicht ansprechen will. Wie auch? Soll ich darum betteln, dass er an meinem Leben teilnimmt? Auf keinen Fall. Erstens wäre es demütigend für mich. Zweitens will ich, dass er sich von selbst dafür interessiert. Wenn ich ihn danach frage, würde er es bestimmt schon aus Höflichkeit tun. Aber das ist nicht das Gleiche.«

»Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mir das leidtut, aber das wäre gelogen. Die Wahrheit ist: Es ist Musik in meinen Ohren. Du bist fertig mit ihm.«

»Na ja, ganz so ist es nicht. Wir haben uns nicht getrennt.«

»Falsch. Ihr seid schon lange getrennt. Du hast es nur noch nicht ausgesprochen. Doch nach allem, was du gerade erzählt hast, ist das eine Formalie.« Gerrit lächelte, aber sein Blick war ernst, als er sich vorbeugte, um Katja auf seinen Schoß zu ziehen. »Ich will dich. Find dich damit ab.«


In eigener Sache! Es tut mir leid, dass es diesmal ein wenig länger gedauert hat. Ursprünglich sollte nach fünfzehn Teilen Schluss sein. Aber dann ... es wird noch zwei weitere Teile geben. Also habe ich ein bisschen verschoben und getrennt. Weiter geht es also am Donnertag, bevor am Montag der Epilog erscheint.

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