• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 16

Katja. Es war Wahnsinn, auf was sie sich hier einließ. Zumal Katja sich auch achtundvierzig Stunden nach dem verhängnisvollen Ruck im Fahrstuhl nicht dazu aufraffen konnte, Gerrits Wohnung zu verlassen. Ganz im Gegenteil. Wieder mal hatte sie eins von seinen viel zu großen Shirts übergeworfen. Nun stand sie in der Küche und schnippelte unter seinem strengen Blick – selbst die erhobenen Brauen erließ er ihr nicht – das Gemüse fürs Abendessen.

»Wenn du nicht aufhörst, mich wie ein Oberaufseher ins Visier zu nehmen, kannst du die Zutaten allein schneiden.« Als Katja merkte, dass sie mit dem Messer wild vor Gerrits Gesicht herumfuchtelte, nahm sie es erschrocken herunter. »Sorry, das war keine Absicht.«

»Hm, hab’s gemerkt.« Er guckte sowas von streng.

»Also bitte«, sie legte das Messer beiseite, »dann bist du jetzt an der Reihe.«

Ohne zu murren nahm er ihren Platz ein und ließ das Messer in schnellem Stakkato über das Holzbrett tanzen.

»Lass mich raten: Du warst in einer Gourmet-Kochschule, damit du beim Kochen auch ja keinen Fehler machst.«

»Auf Fehler kam es mir weniger an. Ich esse halt gern gut, was ist falsch daran, es zu lernen?«

Katja nagte verschämt an ihrer Lippe. »Nichts. Ich glaube, ich bin nur so sauer, weil ich jetzt ganz schön blöd dastehe. Ich hasse es, wenn ich mir Mühe gebe und nichts Gutes dabei herauskommt.«

»Siehst du, das war noch ein Grund für den Kurs. Ich gehe am nächsten Wochenende zu einem. Wenn du willst, buche ich dir einen Platz.«

»Machen wir jetzt Pläne für die Zukunft?« Ihr Tonfall war scherzhaft, aber kaum war es heraus, hielt Katja die Luft, tat aber gelassen.

»Du kannst es nicht lassen, zu sticheln.« Keine Frage, sondern die pure Gewissheit.

Sie zuckte die Achseln. »Schätze, die Teflon-Beschichtung meines Egos hat ein paar ziemliche Kratzer abbekommen.« Wie ums sich zu entschuldigen, hob Katja sich auf die Zehenspitzen und küsste Gerrit auf den Mund. »Aber wenn es ein ernst gemeintes Angebot war, komme ich sehr gern mit.«

Sein Lächeln war warm und freundlich. »Das freut mich. Sehr sogar. Sag mal, wolltest du nicht unter die Dusche? Wenn ja, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, denn in einer Viertelstunde ist das Essen fertig.«

»Oh, dann muss ich wirklich Gas geben. Aber erst ...« Wieder hob sie sich auf die Zehenspitzen, schlang die Hand um Gerrits Nacken und zog ihn zu sich herunter. Der Kuss fiel stürmischer aus als beabsichtigt. Nur mit Mühe löste Katja sich von ihm. »Fünfzehn Minuten, ich gebe Gas«, sagte sie atemlos und stürmte zur Treppe.

Sie fand es seltsam, wie schnell sie sich in seiner Wohnung heimisch fühlte. Trotzdem schien es ihr nur natürlich, zu bleiben.

Als Katja zehn Minuten später das nasse Haar zu einem Zopf band und das ausgewaschene und endlich getrocknete Kleid überstreifte, nahm sie sich vor, gleich morgen mit Mark zu reden. Vielleicht war es nicht nett, eine Beziehung über Skype zu beenden. Aber so funktionierte gerade doch das ganze Leben. Menschen gingen nicht mehr ins Büro, Kinder wurden vor dem Computer unterrichtet. Also würde sie sich überwinden. Sie brauchte Klarheit. Und darauf hatte Mark auch ein Recht – egal, ob er nun mit offenen Karten spielte oder nicht. Es wurde nichts besser, wenn sie jetzt ebenfalls Heimlichkeiten hatte und sich wie er benahm.

Nachdem sie das zumindest gedanklich geklärt hatte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Wesentlich gelöster ging sie wieder nach unten, wo Gerrit den Tisch gedeckt hatte. Kerzen und hübsche Stoffservietten inklusive.

»Hey, du hast dir ja richtig Mühe gegeben.«

»Jep, ich wollte dich beeindrucken.«

»Wenn es jetzt auch noch schmeckt, bin ich dir rettungslos verfallen.« Kichernd schmiegte Katja sich an Gerrit.

»Habe ich dir eigentlich gesagt, wie gut es mir tut, dich hier zu haben?«

»Hast du nicht. Und selbst wenn ... sowas darfst du gern wiederholen.«

Einen langen Moment sah er sie schweigend an und fuhr die Kontur ihrer Lippen nach, dann machte er sich los und begann, das Essen auf die Teller zu füllen.

»Du wirkst plötzlich so nachdenklich.«

»Hm, bin ich auch.«

»Sagst du mir, weshalb?«

»Weil ich die falsche Frau gefeuert habe.«

Katja legte das Besteck beiseite. »Hör mal, dass wir jetzt ... wir sind zusammen, richtig?«

»Was mich angeht, ja.«

»Gut, dann weiter im Text: Dass wir zusammen sind heißt nicht, dass ich schlecht über Susanne Bäuerle reden will. Die braucht ihren Job. Ich könnte mir nicht verzeihen, wenn sie meinetwegen entlassen wird.«

»Du bist doch nicht der Grund, sondern dass sie faul ist und permanent eine Aushilfe braucht, die ihre Arbeit erledigt, weil sie ...« Gerrit zuckte die Achseln. »Tja, um ehrlich zu sein weiß ich nicht, wie sie ihre Tage verbringt.«

Katja verdrehte die Augen. »Falls du mich aushorchen willst, musst du raffinierter vorgehen. So leicht wickelst du mich nicht ein.«

»Oh, das muss ich gar nicht. Sie bekommt ab jetzt keine Aushilfen mehr und wir kontrollieren jeden Abend, ob ihre Arbeit erledigt ist. Ich schätze, sie wird sich von allein nach etwas anderem umsehen, sobald ihr das zu ungemütlich wird.«


»Und wenn nicht?«

»Du meinst, wenn sie ab jetzt tut, wofür ich sie bezahle? Dann sehe ich keinen Grund, mich von ihr zu trennen. Nur verarschen lasse ich mich nicht. Dass ich überhaupt auf das Thema zurückgekommen bin, liegt daran, dass es mir leidtut, dich in der Firma zu verlieren. Die Personalabteilung hat mir bestätigt, dass du einen guten Job gemacht hast.«

Katja legte das Besteck beiseite und lehnte sich im Stuhl zurück. »Willst du mir die Laune verderben? Du erklärst mir gerade, dass ich alles richtig gemacht habe und es rein gar nichts genützt hat. Glaubst du, ich fühle mich jetzt besser?«

Gerrit griff über den Tisch nach ihrer Hand. »Hey, deshalb habe ich das Thema nicht angeschnitten.«

»Muss ich raten, oder wirst du es mir sagen?«, fragte Katja besänftigt.

»Du kommst ohnehin nicht drauf. Es ist so: Gestern war ich mit einem Freund laufen, wie du ja weißt. Er ist Unternehmensberater und hat ein paar Dinge angesprochen, die ich dringend angehen muss. Nur kann ich mich nicht vierteilen. Über kurz oder lang werde ich jemanden finden müssen, der mich entlastet.«

»Eine Sekretärin?«

»Die habe ich. Nein, was ich brauche, ist ... ein Mädchen für alles. Jemanden, der meine Termine in der Firma koordiniert, Kontakt zu allen wichtigen Stellen hält, dem ich Dinge übertragen kann, zu denen ich nicht komme.«

Katja lachte kurz auf. »Und das soll ich machen? Dafür bin ich überhaupt nicht qualifiziert.«

»Stimmt. Aber das sind andere auch nicht. Wen auch immer ich einstelle, er wird da reinwachsen müssen. Du hast den Vorteil, dass du die Firma kennst, warst in verschiedenen Abteilungen. Und ich habe dich gern um mich.«

»Gerrit, wir kennen uns seit achtundvierzig Stunden. Was, wenn du mich in einer Woche satthast? Musterst du mich dann aus?«

»Mag sein. Aber dann wärst du nicht schlechter dran als jetzt.«

»Stimmt, du würdest mir wieder kündigen. Was ich natürlich wieder genauso souverän wegstecken würde wie beim letzten Mal.« Katja schüttelte den Kopf. Ihr Herz raste. Sie warf aufgeregt, dankbar für die Chance, begierig darauf, mit Gerrit zusammen zu arbeiten. Aber wie so oft machte ihr Selbstbewusstsein ihr einen Strich durch die Rechnung. »Weißt du eigentlich, wie schlimm es ist, gekündigt zu werden? Das tut nicht nur weh. Man zweifelt an sich. Und dann diese Unsicherheit wie es weitergeht.«

Gerrit stand auf, kam um den Tisch gelaufen und zog sie vom Stuhl hoch. »Hey, ich bin noch nie gekündigt worden, aber ich kann es mir vorstellen. Trotzdem musste du zuhören. Ich biete dir einen gut bezahlten Job an. Unbefristet. Wenn du magst, kannst du in den nächsten Tagen anfangen. Wir finden schon eine Lösung für dein Yoga-Studio. Wenn du die Kurse auf den späten Nachmittag und den frühen Abend verlegst, kriegst du das hin.«

Es war im tatsächlich ernst. Katja sah ihn ungläubig an und dabei fühlte sie eine derartige Erleichterung, dass ihr schwindelig wurde.


Weitere Teile des Blogromans »48 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer montags und donnerstags.

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