• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 2


»Vielleicht fangen wir einfach von vorn an, lassen die Animositäten des Anfangs hinter uns und tun, als würden wir uns unvoreingenommen begegnen« Gerrit Brandner wirkte dermaßen cool, er hätte sich ebenso gut auf einer Gartenparty befinden können und nicht in einem Lift, der kurz vor der sechsten Etage feststeckte. »Mein Name ist Gerrit Brandner und ich war gerade auf dem Weg ins Wochenende. Freut mich, Sie kennenzulernen.«

Katja atmete tief ein, was nicht viel half. »Katja, ich heiße Katja Kramer und habe bis heute ...« Fast wäre ihr das mit der Kündigung noch einmal herausgerutscht, aber sie besann sich. Wenn Sie ihm jetzt Vorhaltungen machte, kriegte Mr Ungerührt es fertig und drückte noch einmal die Reset-Taste. So lange, bis er zufrieden mit ihrer Antwort war. Also hob sie erneut an. »Katja Kramer, freut mich.«

»Ach kommen Sie. Sie müssen nicht gleich flunkern.«

»Flunkern?«


»Dass es Sie nicht freut, ist unübersehbar. Für mich ist das völlig okay. Ich würde es nur vorziehen, wenn wir das sachlich klären könnten – ohne schnippische Antworten.«

Katja öffnete den Mund, um ihm ein paar Takte zu den schnippischen Antworten zu sagen. Aber wozu? Er hatte ja Recht. Sie kannten sich seit einer Viertelstunde und bisher hatte sie sich wirklich benommen wie ein verzogenes Kind. »Tut mir leid, wenn ich ein wenig ... barsch war. Das liegt daran, dass ich den Job hier dringend gebraucht habe.«

Gerrit Brandner sah sie einen Moment zu lange an. »Davon in ich ausgegangen.«

»Davon ...? Sie haben sich tatsächlich Gedanken darüber gemacht, ob sie mich feuern?« Sie konnte es kaum glauben. Immerhin hatte er über zweihundert Angestellte.

»Ob Sie es glauben oder nicht, ich setze nicht reihenweise Leute auf die Straße. Selbst Aushilfen nicht. Aber die Arbeitsmoral von Frau Bäuerle hat mir keine andere Wahl gelassen. Oder sehen Sie das anders?«

Oh. Ooooh! Jetzt wurde es knifflig. Anscheinend hatte er ein viel genaueres Bild von Susanne Bäuerle, als Katja gedacht hatte. Aber so unsympathisch die Frau auch war, Katja würde garantiert nicht beim großen Boss über sie lästern.

»Es ist spannend, ihnen beim Denken zuzusehen«, sagte Brandner und zeigte den Anflug eines Lächelns. Dabei schlug er seine langen Beine übereinander und rückte das Jackett hinter seinem Kopf zurecht.

Katja zuckte die Achseln. »Leute denken alle nasenlang irgendetwas. So spannend finde ich das gar nicht.«

»Hm«, brummte Gerrit Brandner, wie er es oft zu Anfang eines Satzes tat. Es klang ein wenig nachdenklich und auf eine Art männlich rau, die etwas in Katja zum Klingen brachte. »Den meisten sieht man aber nicht so deutlich an, was sich gerade hinter ihrer Stirn abspielt.«

»Das finde ich jetzt spannend: Sie können Gedanken lesen?« Kopfschüttelnd lachte Katja.

»Wie gesagt, nicht alle Leute sind mit Ihrer Mimik so freigiebig wie Sie. Aber ja. Sie denken, dass Sie lieber nicht über Frau Bäuerle reden möchten, weil Sie nichts Positives über die Frau zu sagen haben. Liege ich richtig?«

Goldrichtig! Aber wenn sie jetzt zustimmte, gab sie auch preis, dass sie wirklich kein gutes Haar an der Bäuerle finden konnte. Den Gefallen würde sie ihm nicht tun. »Sie liegen eingeschränkt richtig: Es trifft zu, dass ich nicht über Kollegen tratschen möchte. Egal, was ich von Ihnen halte.«

»Das klang neulich in der Kantine aber noch ganz anders.«

Wann war er in der Kantine gewesen? Und wieso war er ihr nicht aufgefallen? Selbst wenn er nicht so attraktiv gewesen wäre, hätte sie ihn mit seiner Größe von locker 1,90 Meter nur schwer übersehen können. Und überhaupt, ging er denn nicht mit den Abteilungsleitern in eines der schicken Restaurants hier im Geschäftsviertel?

Katja entschied sich für eine neutrale Antwort. »Da bin ich aber gespannt, was Sie da aufgeschnappt haben wollen.«

Wieder dieser Anflug eines Lächelns, bei dem ein Grübchen über seine rechte Wange huschte, flüchtig nur, weil sein Mundwinkel sich gleich wieder senkte. »Fragen Sie mich nicht nach dem Rezept, aber es ging um Frau Bäuerles Youtube-Kanal. Und ...« Er brach ab und schien kurz in sich zu hören. »Richtig, Sie hat Brot gebacken und als sie mit dem Teig fertig war, hat eine ihrer roten Krallen gefehlt. Ihr Kollege meinte, er würde lieber sterben, als von dem Brot zu probieren, woraufhin Sie einwarfen, dass Teilen in Frau Bäuerles DNA nicht angelegt sei und er bestimmt nicht in die Verlegenheit kommen würde, etwas zu testen.«

Okay, das Gespräch erinnerte sie lebhaft. Es war das erste Video überhaupt gewesen, das Katja auf dem Kanal von Susi liebt’s süß gesehen hatte. Und das auch nur, weil Susanne Bäuerle ständig ein unglaubliches Gewese um ihren Koch-Kanal machte. Katja konnte es praktisch nicht ignorieren, weil sich das komplette Leben der süßen Susi um ihren Internet-Auftritt drehte. Ständig durchforstete sie das Netz nach neuen Rezepten. Wurde sie fündig, drehte sie richtig auf. Der Einkaufszettel war schnell geschrieben. Aber sie brauchte ein Outfit, das thematisch zum Rezept passte, und natürlich musste das Styling ansprechend sein. Zum Brotbacken hatte Susanne sich ihre zotteligen Extensions in geflochtenen Zöpfen um den Kopf gewunden. Katja hatte ihre Kollegin in dem Video erst nicht erkannt, was jedoch hauptsächlich an dem Filter lag, der die verlebt wirkende Mittvierzigerin in eine blutjunge Latina-Schönheit verwandelt hatte. Doch auch das würde sie Gerrit Brandner nicht auf die Nase binden.

»Ist es Ihnen nicht peinlich zuzugeben, dass sie mit Kantinenklatsch hausieren?«

»Peinlicher wäre es mir, beim Tratschen erwischt zu werden.«

»Autsch!«

Er lächelte müde, und selbst das sah bei ihm zum Anbeißen aus. »Hey, nicht ich habe mit den schnippischen Bemerkungen angefangen. Ich dachte, ich revanchiere mich.«

Katja schmunzelte. »Jetzt noch? Das hätten Sie vor dem Gesprächs-Reset machen müssen.«

»Ich bin überzeugt, wir finden einen Gesprächsmodus. Schließlich bleibt uns jede Menge Zeit.«

»Darauf noch ein: Autsch!«

»Was haben Sie? Klaustrophobisch sind Sie jedenfalls nicht.«

Da hatte er Recht. »Dafür bin ich pragmatisch. Wie lange glauben Sie, halten wir hier drin aus, ehe wir auf die Toilette müssen oder Durst und Hunger kriegen?«

Gerrit Brandners Blick wanderte zu Katjas Sporttasche. »Sie haben nicht zufällig auch Wasser in diesem monströsen Beutel?«

»Doch«, sagte Katja. Dabei hätte sie es belassen können, aber irgendetwas ritt sie, ihm noch einen verbalen Hieb zu verpassen. »Was sagt Ihnen, dass ich mein Wasser ausgerechnet mit dem Mann teile, der mich gerade rausgeworfen hat?« Und das, obwohl ihm anscheinend klar war, dass Sie die ganze Arbeit für Susanne Brandner erledigt hatte. Madame kam vor lauter Nägelfeilen und Rezeptesuchen ja nicht dazu, sich mit schnöden Aufgaben aus der analogen Welt zu befassen.

»Sie würden zusehen, wie ich dehydriert ins Koma falle?« Er lachte und das klang so angenehm dunkel, dass es Katja warm ums Herz wurde. »Sollten Sie wirklich so herzlos sein?«

»Nope, hatten wir nicht schon festgestellt, dass ich eher pragmatisch veranlagt bin?«

»Was schwebt Ihnen vor? Ein Win-Win? Soll ich Ihnen den Job zurückgeben?«

»Durch Erpressung? Da verzichte ich dankend.«

Wieder sah er ihr in die Augen. Lang und tief, wobei Gerrit Brandner den Kopf leicht zur Seite neigte. »Wir sollten uns duzen.«

»Oha, woher kommt diese Erkenntnis?« Sie konnte sich nicht helfen, irgendwie bescherte ihm seine bloße Anwesenheit ein wohliges Kribbeln. Gleichzeitig reizte er sie zu Frechheiten, die sie sich normalerweise nie rausnehmen würde.

Er hob die Achseln, was zu seinem immer noch schiefgelegten Kopf reichlich komisch aussah. »Wer weiß? Vielleicht stürzen wir mit diesem Ding ab. Da wäre es doch hübsch, wir könnten uns bei den Händen fassen und uns versichern, dass es schon nicht so schlimm werden wird, vom sechsten Geschoss nahtlos in die Tiefgarage zu rauschen.« Sein Grinsen nahm der Horror-Vision die Schärfe. »Frau Kramer, seien Sie stark!«, proklamierte er dramatisch. »Für mich klingt das nicht nach zwei Gefährten, die Seite an Seite in den Tod gehen.«

Katja schüttelte den Kopf. »Mein Gott, Sie halten das für komisch, richtig?«

Sein Schmunzeln war Antwort genug.

Was Katja erneut den Kopf schütteln ließ. »Tut mir leid, aber das sind Witze für Leute, die es lustig finden, Pizza-Boten zur falschen Adresse zu schicken.«

»Der Punkt geht an ... an dich. Nimm’s mir nicht übel, aber ich schätze, ich bin mit einunddreißig Jahren der Ältere von uns beiden. Also bin ich in der Position das anzubieten. Ich heiße übrigens Gerrit.« Er streckte ihr die Hand hin wie bei einem Häppchen-Empfang, bei dem man sich zwanglos kennenlernte.

Als wäre das nicht irre genug, beugte Katja sich vor. »Katja – wie gesagt.« Sie ergriff seine Hand und da spürte sie ganz deutlich dieses Kribbeln, das unterschwellig da war, seit er über die Schwelle des Fahrstuhls gesprintet war.

Sie zog die Hand weg, als setze die bloße Berührung seiner Finger ihre Haut in Brand. Verschämt sah sie zur Seite. Wie sollte sie das ein ganzes Wochenende aushalten?


Weitere Folgen des fünfzehnteiligen Blogromans erscheinen jeweils montags und donnerstags!

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