• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 3


Gerrit. Es hatte ihm leidgetan, die zierliche Blondine vor die Tür zu setzen. Aber sie war nun einmal die Aushilfe. Susanne Bäuerle hingegen hatte einen festen Vertrag. Auch wenn es ein offenes Geheimnis war, dass die wechselnden Aushilfen die Arbeit machten, während Frau Bäuerle im Wesentlichen als Dekoration ihres eigenen Schreibtischs diente.

»Ich habe dich nicht gern vor die Tür gesetzt.« Seltsam, woher kam dieses Bedürfnis, sich vor Katja Kramer zu rechtfertigen? Er schuldete ihr keine Erklärung. Ursprünglich hatte die Personalabteilung sie als Aushilfe für zwei Wochen eingestellt. Daraus war ein halbes Jahr geworden. Sie hatte damit rechnen müssen, dass es nicht ewig so weiterging. Gerrit schaute auf.


Katja nagte an ihrer Lippe. Er sah, wie sie mit sich rang. »Was?«

Sie blinzelte, ehe sie wiederholte: »Was?«

»Na, woran denkst du gerade? Nur raus damit. Ich bin nicht mehr dein Chef, du kannst mir also alles sagen.«

Ein scheues Lächeln hellte ihr zartes Gesicht auf. »Muss ich das denn? Ich dachte, du bist der mit der Fähigkeit zum Gedankenlesen.«

»Ach das«, Gerrit winkte ab. »Diese Gabe funktioniert nur sehr eingeschränkt und wird gern als Indiskretion aufgefasst. Also?« Er schenkte ihr ein schiefes Grinsen, um die Atmosphäre aufzulockern.

Es funktionierte. Katjas Augen blitzten kurz auf. »Solltest du mir nicht einen Penny für meine Gedanken anbieten?«

»Und solltest du nicht damit aufhören, um den heißen Brei zu reden? Wie gesagt, wir sind hier eingesperrt und absolut gleichberechtigt.«

Sie zuckte die Achseln. »Ich fände es schön, wenn wir das Thema wechseln. Du hast da vorhin so Andeutungen über meine Kollegin gemacht«, sie blinzelte nervös, was ihn unerwartet rührte, »da möchte ich nichts zu sagen.«

Da sieh an. Für sie wäre es die Gelegenheit, über die faule Kollegin zu lästern und ihm unter die Nase zu reiben, wie ungerecht es war, dass sie gehen musste, obwohl sie die ganze Arbeit erledigt hatte. Es gefiel ihm, dass sie die Gelegenheit nicht für eine billige Retourkutsche missbrauchte. Wie so vieles an ihr.

Gerrit mochte ihre seelenvollen braunen Augen, die einen reizvollen Kontrast zu dem blonden Haar bildeten, das in sanften Wellen auf ihre Schultern fiel. Auf Make-Up hatte sie weitgehend verzichtet, was ihre Natürlichkeit unterstrich. Kein Versuch, die zarten Sommersprossen zu überschminken oder ihre vollen Lippen mit ein wenig Farbe noch besser zur Geltung zu bringen.

Besonders Letzteres wusste er nach fast vier Jahren mit Lena zu schätzen. Seine Ex hatte sich morgens für eineinhalb Stunden im Bad verschanzt und geweigert, ohne ihr perfektes Styling auch nur zum Bäcker zu gehen. Von Jahr zu Jahr hatte sie sich mehr um ihr Äußeres gesorgt, bis von der Frau, in die er sich bei der Uni-Abschluss-Party verliebt hatte, kaum noch etwas übriggewesen war als eine hübsch anzusehende Hülle.

»Die Personalabteilung hat mir mitgeteilt, dass du eigentlich selbstständig bist«, bemühte Gerrit sich, das Gespräch in Gang zu halten.

Sie sah ihn lange an. Als wollte sie prüfen, ob es sich um einen Smalltalk-Versuch handelte, oder er sich wirklich für sie interessierte. »Ich habe vor zwei Jahren mit einer Freundin zusammen ein Yoga-Studio eröffnet. Es lief ganz gut. Bis sie schwanger geworden und zu ihrem Freund nach Norddeutschland gezogen ist. Da habe ich sie ausbezahlt und allein weitergemacht. Nur kam mir leider Corona in die Quere. Wie sich herausgestellt hat, toben die Viren in Wettbüros nämlich nicht so heftig wie beim Sport. Also darf man auf Sport wetten, aber keinen mehr treiben.«

»Kein Scherz?« Gerrit sah sie fragend an, weil er sich keinen Reim darauf machen konnte. Gerade herrschte mal wieder ein harter Lockdown. »Ich dachte, nur Geschäfte der Grundversorgung dürfen geöffnet haben.«

Katja lächelte so traurig, dass es ihn berührte. »Anscheinend ist es ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, seiner Spielsucht nachzukommen.«

»Verrückt«, wunderte Gerrit sich. »Klingt für mich, als hätten sie diese Regelung ziemlich spontan beschlossen und die Wettbüros einfach vergessen.«

»Nein, nicht vergessen. Die Leute halten sich nur kurz in den Läden auf und geben ihre Tippscheine ab, deshalb sind sie fein raus. Ist aber auch egal. Die können schließlich nichts dafür, dass ich mir die Miete für den Laden bald nicht mehr leisten kann.«

Gerrit schluckte. Langsam begriff er, wie hart sie der Verlust ihres Aushilfsjobs tatsächlich traf. Sie mussten weg von diesem Thema. Dringend. Sonst brach sie womöglich in Tränen aus und er war nicht gut mit weinenden Frauen. Schon gar nicht in der unausweichlichen Enge dieser Kabine.

»Was tust du, wenn du nicht gerade Yoga machst oder kurz vor dem sechsten Stock festsitzt?« Es war eine blöde Alibi-Frage. So etwas sonderte man auf Partys ab, wenn einem nichts Geistreiches mehr einfiel. Doch kaum war es heraus, merkte er, dass es ihn tatsächlich interessierte. Dass ... sie ihn interessierte.

»So, so. Wechseln wir jetzt das Thema, weil du Angst hast, ich könne durchdrehen?« Sie lachte ein leises, perlendes Lachen.


»Bin ich so leicht zu durchschauen?«

»Hm«, sie zwinkerte ihm zu. »Nicht wirklich, aber dieser Reflex, das Thema zu wechseln, wenn eine Frau emotional wird, ist nicht unbedingt originell. Ich habe das gelegentlich erlebt.« Ihre Stimme troff vor Ironie.

»Weil du in einer Beziehung lebst?« Großer Gott, er hätte sich ohrfeigen mögen. Konnte man dämlicher mit der Tür ins Haus fallen?

»Sagen wir, meine letzte Beziehung hat die emotionalen Ausweichmanöver nicht überlebt. Er hat mir vorgeworfen, ich sei seelisch enthemmt. Woraufhin ich ihm vorhielt, das sei besser, als mit fünfunddreißig noch keinen Zugang zu seiner Seele gefunden zu haben. Du merkst, da steht unter dem Strich kein gemeinsamer Nenner.«

»Hm, hm«, Gerrit nickte und stellte sich vor, dass er gerade ziemlich beklommen dreinsah. »Die Diagnose seelisch enthemmt klingt für mich nicht gerade ... beruhigend.«

»Ach, darauf darfst du nichts geben. Überhaupt war es mit seiner Urteilsfähigkeit nicht weit her. Er war eine Drama-Queen. Einer von diesen verhätschelten Anzug-Jungs, die entweder brüllen oder so verbissen schweigen, als ginge es um ihr Leben.« Ihr Blick flackerte, ehe sie für den Bruchteil einer Sekunde zu dem verknautschten Jackett hinter seinem Kopf guckte.

Trotzdem hatte er es gesehen, der Fauxpas mit den Anzug-Jungs war ihr aufgefallen. »Unterstellst du mir etwa auch, ich sei verhätschelt?«, fragte Gerrit gespielt streng.

Ihr breites Lächeln war atemberaubend. »Natürlich nicht. Dass ihr Jungs alle die gleiche Uniform tragt, muss purer Zufall sein.«

»Natürlich ist es das«, gab Gerrit aufatmend zurück. Irgendwie hatten sie die Kurve gekriegt. Weg von ihren drückenden Sorgen, hin zu einer Leichtigkeit, die ihm gefiel. So ließ es sich aushalten.

Er überlegte, ob es irgendwen in der Firma gab, mit dem er lieber in diese missliche Lage geraten wäre. Nicht, dass er sich nicht lieber an einem angenehmeren Ort mit Katja unterhalten würde. Trotzdem war es nicht von der Hand zu weisen, er genoss ihre Gegenwart. Was niemanden mehr wunderte als ihn. Gut, Natürlichkeit war sein Ding. Aber dieses Streublümchenkleid mit der verwaschenen Jeansjacke und ihre verblichenen Chucks, dazu eine Häkeltasche und das fransige Halstuch, das war definitiv nicht der Typ Frau, auf den er stand. Er mochte Frauen, die sich schlicht, edel und feminin kleideten, keine Yoga-Frauen im Hippie-Mädchen-Look.

Gerrit musterte sie verstohlen. Ihre nackten, schlanken Beine, die von der Frühlingssonne leicht gebräunt waren. Die filigranen Hände, die ständig in Bewegung waren. Wenn Katja sich nicht gerade Haarsträhnen um den Finger wickelte, unterstrich sie jedes ihrer Worte, als wollte sie ein Gemälde in die Luft malen. Das war nervtötend. Aber auch rührend. Wenn nicht sogar anziehend. Wenn er nur wüsste, warum er so empfand. Innerlich schüttelte er über sich selbst den Kopf. Er kapierte es nicht – aber er würde viel Zeit haben, es herauszufinden.

Weitere Teile des Blogromans »24 Stunden zwischen Himmel und Parterre« erscheinen immer donnerstags und montags.

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