• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 4

Katja. Sie wollte ihn nicht nett finden. Dabei war sie eigentlich nicht der Typ für Vorurteile. Im Gegenteil nervte es sie, in eine Schublade gesteckt zu werden. So wollte sie auch mit anderen nicht umgehen. Aber ihre Erfahrungen mit smarten Typen in gut sitzenden Anzügen waren nun mal nicht die besten. Genauer gesagt waren sie erschütternd.

»Gibt es einen bestimmten Grund, warum du mich so anstarrst?«, fragte Katja harscher als beabsichtigt.

»Na hör mal, ich starre nicht!«, verkündete Gerrit im Brustton der Überzeugung. Aber sein jungenhaftes Grinsen strafte die Worte Lügen.

Zur Antwort verdrehte Katja demonstrativ die Augen. »Ich bin vielleicht blöd, aber nicht blind.«

»Das hast du jetzt gesagt.«

»Und du gedacht?«, fragte sie keck.

»Nein, dann würde ich nicht mit dir reden. Du ahnst nicht, wie ignorant ich sein kann.«

»In einem Fahrstuhl, wo es keinerlei Ablenkung gibt, würdest du den einzigen Menschen, der mit dir eingesperrt ist, ignorieren?«, gab Katja zweifelnd zurück. »Wo trainiert man das?«

»Ganz einfach, man sucht sich eine saubere Lift-Kabine, plant ein freies Wochenende ein und drückt im richtigen Moment auf die Nothalt-Taste.«

Kurz überlegte sie, ob er das ernst meinen könnte. Hatte er den Aufzug gestoppt, um sich einen makabren Scherz zu erlauben? Aber nein, so toll, dass er sich freiwillig mit ihr einschloss, war sie nun auch nicht. »Wieso werde ich das Gefühl nicht los, nichts über dich zu wissen, während ich dir jede Menge von mir erzählt habe?«

»Hast du nicht!«

»Und ob! Du weißt, dass ich ein Yoga-Studio habe, finanziell in der Klemme stecke und jede Menge anderes Zeug. Immerhin hast du zugegeben, dass du mit der Personalabteilung über mich geredet hast. Der Fragebogen, den ich denen ausfüllen musste, war episch«, erinnerte Katja sich an die vierseitige Tabelle.

Gerrits Brauen schnellten hoch. Offenbar war er wirklich erstaunt. »Du denkst jetzt aber nicht, dass ich deinen Personalbogen auswendig gelernt habe?«

Katja fand ja selbst, dass die Idee ein wenig größenwahnsinnig klang, deshalb wich sie der Antwort aus. »Du hast mir noch immer nicht geantwortet. Was gibt es über dich zu wissen?«

»Ich bin hier der Chef«, sagte Gerrit humorlos.

Sie sah ihn genauer an. Klang er plötzlich so reserviert, weil sie die Ausweichmanöver torpedierte, mit denen er das Gespräch immer wieder in ihre Richtung lenkte? Oder war er über die Tatsache, seit vier Wochen den Hut bei Brandner und Sohn aufzuhaben, tatsächlich nicht erfreut?

Letzteres fand sie interessant. Nur konnte sie ihm das nicht auf den Kopf zusagen. Deshalb tippte sie mit einer harmlosen Bemerkung ins Blaue. »Ich schätze, das war dir in die Wiege gelegt.« Dabei ging sie von sich aus. Ihre Eltern hatten ein Haushaltswarengeschäft und immer gewollt, dass sie den Laden irgendwann übernahm. Dass Katja ein Yogastudio eröffnet hatte, gab auch heute – zwei Jahre nach der Einweihung – bei jedem Familientreffen Anlass für Sticheleien.

»Du meinst, ob mein Vater gewollt hat, dass sein einziges Kind sein Lebenswerk fortführt? Ich schätze, das ist der Klassiker. Du baust nichts auf, um zuzusehen, wie deine Kinder es mit Füßen treten«, gab Gerrit unverbindlich zurück.

Junge, er hatte ein Pokerface, mit dem er bei jedem Wettbewerb für minimalistische Mimik antreten konnte. Hinzu kam, dass der Satz sich für Katja anfühlte wie ein Streifschuss. Mit Füßen treten – das hätte direkt von ihrem Vater stammen können. Trotzdem beschloss sie, am Ball zu bleiben.

»Das ist dann die Sichtweise dessen, der es aufgebaut hat. Aber der Wunsch muss sich nicht mit dem des nächsten Staffelstab-Trägers decken.«

Gerrit seufzte. »Wieso bist du nicht Investigativ-Journalistin geworden? Du hast ein unnachahmliches Geschick in Beharrlihckeit.«

»Du meinst wohl, in Penetranz? Ja, kann sein. Ist mir gelegentlich schon unterstellt worden. Dafür solltest du Labyrinthe bauen. Keiner macht so schöne Schlenker wie du.«

Katja wusste nicht wieso, vielleicht, weil sie sich gegenseitig belauerten, obwohl es um nichts Wichtiges ging, jedenfalls brach sie in leises Gelächter aus.

Einen Moment wirkte Gerrit überrascht, dann lachte auch er, fing sich jedoch als Erster wieder. »Du hast ja Recht. Ich bin nicht gern hier. Ich mochte den Job, den ich vorher gemacht habe. Das Problem ist, dass mein Vater nach dem zweiten Infarkt Ruhe braucht und nicht in die Firma zurückkann. Deshalb habe ich eingewilligt, meine alte Stelle auf Eis gelegt und das getan, was er im Grunde schon seit dem Uni-Abschluss von mir erwartet.«

Katja nickte mitfühlend. »Das ist hart. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn meine Eltern krank werden. Ihnen dann noch eine zusätzliche Enttäuschung zu bereiten, indem ich sie im Stich lasse, das wäre sicher nicht leicht.« Aber da war noch etwas, das er gesagt hatte. »Was meinst du mit auf Eis gelegt

Wieder seufzte er. Diesmal klang es leicht wehmütig. »Ich habe nach dem Studium mit zwei Freunden ein Startup gegründet. Wir haben eine lange Durststrecke hinter uns, die Firma hatte gerade Fahrt aufgenommen und lief so richtig gut, als mein Vater krank wurde. Ich habe meine Anteile noch und könnte zurück.«

»Doch das willst du deinen Eltern nicht antun«, brachte Katja es auf den Punkt.

»So sieht es aus.« Er legte den Kopf zur Seite und hob die Schulter fast bis zum Ohr, als wollte er ihr wortlos zu verstehen geben, dass es keinen Sinn machte, weiter darüber nachzudenken, weil die Würfel gefallen waren.

»Vielleicht findet sich mit der Zeit eine andere Lösung. Du könntest einen Nachfolger für Brandner und Sohn finden.«

»Denkst du, daran hätte ich nicht gedacht?«

Katja versuchte es mit einem lahmen Witz. »Hey, wie wäre es mit mir? Ich hätte gerade viel Tagesfreizeit und wäre voll motiviert. Über das Gehalt einigen wir uns schon.«

Das gequälte Lachen, das Gerrit sich ihr zuliebe abrang, berührte sie. »Was hast du eigentlich für eine Ausbildung?«, wollte er wissen. Unwillkürlich hob sich sein rechter Mundwinkel, mit dem er häufiger ein Lächeln andeutete. »Wie du siehst, habe ich deinen Personalbogen nicht auswendig gelernt.«

»Nach der Schule habe ich studiert, aber das lag mir nicht. Englisch und Sport auf Lehramt.« Katja verzog das Gesicht. »Selbstdisziplin ist nicht gerade meine Stärke. Ich gehöre eher zu den Leuten, die im letzten Moment anfangen, für eine Klausur zu lernen. Wenn es keine Anwesenheitspflicht gab, habe ich die Uni geschwänzt. Es war klar, dass ich so nicht weiterkomme. Dummerweise hatten meine Eltern die gleiche Erwartungshaltung wie dein Vater. Sie wollten, dass ich bei ihnen in die Lehre gehe und ihren kleinen Haushaltswarenladen übernehme. Als ich das Angebot zugunsten des Studiums ausgeschlagen habe, fanden sie es toll«, Katja sah ein wenig verschämt drein, ehe sie weitersprach. »Weißt du, ich war die Erste in der Familie, die die Chance hatte, an die Uni zu gehen. Außerdem bin ich ein Einzelkind, da geben sie ganz gern mit mir an. Insofern fanden sie es doppelt ärgerlich, dass ich das Handtuch geworfen habe. Dass ich noch eins obendrauf setze und lieber ein Yogastudio eröffne, als nach meinem Uni-Ausflug doch noch bei ihnen im Laden anzufangen, hat sie gekränkt. Wie du gesagt hast, als hätte ich ihr Lebenswerk mit Füßen getreten.« Sie hatte kaum ausgesprochen, als ihr aufging, dass es schon wieder passiert war. »Du machst das sehr geschickt, wirfst mir ein paar Informationsbröckchen hin, damit ich zufrieden bin, und dann fragst du mich weiter aus. Und ich bin so blöd, es nicht zu merken.«

»Du hast es doch gemerkt.«

»Ja, aber mal wieder erst nachdem ich wie ein Wasserfall erzählt habe.«

Katja wusste, woran das lag. Gerrit war ein guter Zuhörer. Die Art, wie er sie ansah und bei wichtigen Passagen den Kopf schief legte, nickte oder zustimmend brummte, vermittelte ihr ungeteilte Aufmerksamkeit. Als bekäme das, was sie sagte, mehr Gewicht, weil er es ernst nahm. Das gefiel ihr. Mehr als es sollte. Gerrit hatte eine eigene Firma gegründet und leitete nun diese. Sein Uni-Abschluss war sicher herausragend. Da konnte sie nicht mithalten. Männer wie er spielten in einer anderen Liga. Da ließ sie besser gleich die Finger davon, ehe sich ihr dummes Herz verrannte. Was bei einem Mann wie Gerrit leicht passieren konnte.

»Du kannst gern weiter den Wasserfall spielen«, ermutigte er sie.

Katja wollte abwinken. Aber was sollten sie dann tun? Sich anschweigen, angestrengt aneinander vorbeisehen und die blank polierten Metallverkleidungen der Kabinenwand anstarren? Immer weiter wie irrsinnig auf den Alarmknopf eindreschen und jeden Winkel der Kabine mit dem Handy abgehen in der Hoffnung, irgendwo Empfang zu haben? Ausgeschlossen. So etwas funktionierte, wenn man ein, zwei Stunden totschlagen musste. Ihnen stand jedoch ein ganzes Wochenende in Isolation bevor.

»Sie rang sich ein Lächeln ab. Du bist dran. Erzähl etwas.«

»Keine Fragen?«

»Nope, da stürzt du dich wieder auf Nebensächlichkeiten und Nebensätze und im Grunde erfahre ich nicht wirklich etwas.«

Unvermittelt blitzten seine schönen Augen auf. »Also ist es dir tatsächlich wichtig, mehr über mich zu erfahren.« Keine Frage. Eine Feststellung.

»Dass die Bemerkung ziemlich großkotzig war, ist dir klar?« Widerwillig spürte sie, wie ihre Mundwinkel sich zu einem Schmunzeln hoben. »Das hättest du gerne, richtig? Dass ich darauf brenne, dir deine Geheimnisse zu entlocken.«

»Frauen, die für meine Geheimnisse brennen, fand ich schon immer faszinierend.«

»Du bist sowas von arrogant.«

»Tz-tz-tz«, er schnalzte gespielt enttäuscht mit der Zunge. »Und ich dachte, ich sei interessant.«

Verdammt ja, das war er. Und wie sie sich kannte, würde ihr das rausrutschen, wenn sie weiter auf diesem Thema herumritten. Aber vorerst konnte Katja sich bremsen, denn mit jeder Minute, die sie hier saß, drückte ihre Blase ein klein wenig mehr. Irgendwann würden sie sich erleichtern müssen. Vor dem Moment graute ihr jetzt schon. Ob sie das ansprechen sollte? Wenn man Dinge offen aussprach, verloren sie ja oft ihre Peinlichkeit. Der Soßenfleck auf dem Shirt zum Beispiel, der sich ganz leicht mit einem Lachanfall in der Kantine erklären ließ. Aber das? Selbst als ihr Ex quasi bei ihr eingezogen war, hatte sie peinlich darauf geachtet, die Toilettentür hinter sich zu schließen. Es gab Dinge, bei denen konnte sie nur schwer über den eigenen Schatten springen.

Doch dieses Bedürfnis ließ sich nicht ewig aufschieben. Sie rutschte schon jetzt unruhig auf dem Boden herum und suchte nach einer Position, in der sich ihre übervolle Blase einigermaßen ausblenden ließ.

Gerrit, der offenbar aufmerksamer war als gedacht, legte mal wieder den Kopf schief. »Was ist los?«

»Ich müsste ...«, begann Katja. Weiter kam sie nicht, denn da fuhr ein Ruck durch die Kabine.

Weitere Teile des Blogromans »24 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer montags und donnerstags.

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