• Anne Stevens

»48 Stunden ...« Blogroman Teil 5

Gerrit. Beim ersten Ruckeln der Liftkabine schnellte Gerrit hoch, wobei er fast über die eigenen Beine stolperte, denn die waren nach dem langen Sitzen auf dem Kabinenboden beinahe taub. Doch der Ärger war vergessen, als die Tür des Lifts sich öffnete.

»Scheint, als hätten wir Glü...« Mitten im Wort rempelte ihn Katja derart heftig beiseite, dass er sich gerade noch fangen konnte, während er in einen langen, spärlich beleuchteten Flur taumelte. Verdutzt sah er zu Katja, die den Gang entlang sprintete und hinter einer Tür verschwand.

Zögernd folgte er ihr. Gerrit hatte keine Ahnung, welche Firmen auf dieser Etage ihre Räume hatten, zumal nur die Notbeleuchtung brannte und der Flur über keine Fenster verfügte. Als er endlich die dicke Holztür erreichte, durch die Katja geflüchtet war, musste er schmunzeln. Die Buchstaben WC erklärten mehr als deutlich, warum sie es so eilig gehabt hatte.

Gerrit rief sich den Gebäudeplan in Erinnerung. Auf der Etage, in der seine Firma lag, waren die Räume exakt gleich angeordnet. Also müsste sich das Treppenhaus schräg rechts hinter ihm befinden. Gerrit machte kehrt und drückte auf die Klinke. Doch nichts tat sich. Er rappelte und rüttelte wie verrückt an der Klinke, die kein bisschen nachgab. Dabei leuchtete ein grüner Pfeil über der Tür. Das war eindeutig ein Fluchtweg, der unverschlossen bleiben musste. Aber wer auch immer sie verriegelt hatte, scherte sich offenbar nicht um Brandschutz.

»Was ist, warum machst du nicht auf?«

Katja war hinter ihm aufgetaucht. Dank des dicken Teppichs, der zweifellos dazu diente, unerwünschte Geräusche zu dämpfen, hatte er sie nicht kommen gehört.

Verärgert wirbelte er herum. »Du kannst es gern probieren«, sagte Gerrit, trat einen Schritt zurück und zückte sein Handy.

Wie im Fahrstuhl gab es auch hier keinen Empfang. Klar, sie befanden sich in einem Mittelgang. Links und rechts trennten sie jeweils mindestens zwei bis drei Räume von der Fassade. Entnervt schob er das Handy zurück in die Hosentasche und sah zu Katja, die nun ebenso hektisch an der Tür rappelte, wie er es zuvor getan hatte.

Als sie begann, mit den Fäusten auf die Metalltür einzuhämmern, legte er ihr die Hände auf die Schultern und zog sie zurück. »Hey, du wirst dich nur verletzten. Die Tür kriegst du nicht auf.«

»Das ist ein Witz, richtig?«

Gerrit seufzte. »Ich wünschte, es wäre so. Aber wie es aussieht, sind wir unserem Ziel exakt ein halbes Stockwerk näher gekommen.«

Katja spähte zum Lift, in dem noch immer ihr Häkelbeutel, die Sporttasche und die Turnmatte lagen. Sie musste nichts sagen, er erriet ihre Gedanken auch so.

»Warte, ich hole deine Sachen.« Wenn Gerrit ehrlich war, war ihm selbst nicht wohl dabei, noch einmal in die Kabine zu steigen. Was, wenn die Türen wieder zuglitten und ihm ein paar weitere Stunden auf dem harten Kabinenboden bescherten? Blödsinn. Es fehlte gerade noch, dass er sich da reinsteigerte. Er nahm Katjas Zeug und legte es in den Flur.

»Mach es dir bequem. Ich schaue mal, ob zufällig jemand vergessen hat, seine Büroräume abzuschließen.« Pflichtschuldig rappelte er an jeder Tür. Sie waren fest verrammelt.

Genervt ließ er sich auf den Boden sinken. »Sieh es positiv. Immerhin haben wir jetzt Wasser und eine Toilette.« Er bemühte sich, hoffnungsfroh zu klingen. Auch wenn seine Laune auf dem Tiefpunkt war. Sein Magen knurrte. Aber immerhin war er nicht allein.

»Ich gehe mal davon aus, dass du schon gecheckt hast, ob wir hier Handyempfang haben?« Plötzlich schien Katja den Tränen nahe.

Gerrit quälte sich erneut vom Boden hoch und ging auf sie zu. Keine gute Idee, wie sich rasch zeigte, denn tatsächlich war er befangen. Herrgott, er hatte ihr gerade erst die Kündigung zukommen lassen. Vermutlich war er der Letzte, der tröstend die Arme um sie legen sollte. Doch was sonst blieb ihm übrig? Sie wären noch eine ziemlich lange Zeit mutterseelenallein. Andere Hilfe war nicht in Sicht.

Ehe er sich versah, ruhte ihr Gesicht an seiner Brust. »So ein verdammter Mist«, schniefte sie.

Zumindest glaubte Gerrit, dass sie das sagte, denn ihre Nase war im Stoff vergraben und ihre Stimme klang gedämpft.

»Hey, das ist kein Beinbruch. Zwei Tage ohne Essen halten wir locker durch. Außerdem ist der Teppich viel weicher als der Kabinenboden. So gesehen haben wir uns echt verbessert.« Die Worte klangen in seinen eigenen Ohren bescheuert. Er war nie der Typ für unverbindlichen Smalltalk gewesen. Kein Wunder, dass ihm in dieser Krise das Improvisationstalent verließ.

Zumal die Nähe nicht gerade für einen klaren Kopf sorgte. In seinen Armen fühlte Katja sich so zerbrechlich an, ihre Wärme drang durch sein Hemd, was ihm besser gefiel, als es sollte. Fast war er sogar enttäuscht, als sie die Hände gegen seine Brust stemmte und sich losmachte.

»Es geht mir doch nichts ums Essen«, schniefte sie. »Ich bin mit einem Kunden im Park verabredet. Wenn ich mein Studio schon nicht aufmachen darf, kann ja wohl niemand etwas dagegen haben, wenn ich an der frischen Luft unterrichte ...« Sie biss sich auf die Lippe. Dass das hochoffiziell verboten war, wusste sie selbst.

Also sparte Gerrit sich die Belehrung. »Und jetzt ist der Kunde weg, du erreichst ihn nicht und hast Angst, dass er abspringt«, schlussfolgerte er.


Was Katja mit heftigem Nicken beantwortete. »Was meinst du, wie vielen Trainern es ebenso mies geht wie mir? Die lassen sich nicht lange bitten. Jede Wette.«

Gerrit war froh, dass sie sich beruhigte. Der Tränenausbruch hatte keine zwei Minuten gedauert. Fasziniert sah er zu, wie sie die Füße überkreuzte und sich in einer grazil-fließenden Bewegung in den Schneidersitz fallen ließ. Als ihm klar wurde, dass er Katja anstarrte, nahm er ihr gegenüber Platz.

»Das mit dem Essen ist übrigens kein Problem. Wir müssen nur haushalten.« Noch glitzerten ihre Wimpern feucht, aber ihre schön geschwungenen Lippen hoben sich bereits wieder zu einem Lächeln.

Angelegentlich kramte sie in ihrer Tasche und förderte eine große Flasche Wasser, einen Apfel, eine Dose, in der vermutlich Brote waren, und zwei Müsli-Riegel zutage. »Ich schlage vor, wir fangen mit den Bageln an. Die dürften eh schon arg durchgeweicht sein. Morgen schmecken sie gar nicht mehr.«

Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, als Katja die Dosen öffnete und bestimmte: »Wir machen halbe halbe. Auf dem einen ist Hühnchen. Das andere ist mit Salat und Schafskäse belegt.«

Dass die Bagel nicht nur gut aussahen, sondern auch mit würziger Soße bestrichen waren, versöhnte ihn halbwegs mit der düsteren Aussicht auf ein Wochenende im Flur der sechsten Etage. Aber seine Erleichterung verflog gleich wieder, als Katja sich vorbeugte, den Finger ausstreckte und fragte, »darf ich?«

Stumm und starr saß Gerrit da. Wenn es einen Leitfaden für derartige Situationen gab, hätte er den gern. Immerhin hatte die Personalabteilung ihn wissen lassen, dass Katja fest als Urlaubsvertretung eingeplant war und in ein paar Monaten wiederkommen sollte. Da wäre es ganz blöd, wenn er jetzt überreagierte und sie zu nah an sich heranließ.

»Darfst du was?«, fragte er so tonlos, dass ihm die eigene Stimme fremd klang.

Sie zog die Nase leicht kraus, was zu Gerrits Leidwesen bezaubernd aussah. »Na, du hast da Soße im Mundwinkel.« Ohne weiter auf sein Okay zu warten, strich sie mit dem Finger über seine Haut.

Zart wie ein Schmetterlingsflügel, das hatte er irgendwo gelesen und sich immer gefragt, was er sich darunter vorzustellen hatte. Jetzt wusste er es. Katja war schon dabei, sich den Finger an einem Taschentuch abzuwischen, da saß er immer noch da und starrte sie an.

Langsam wurde es lächerlich. Da hatte er ja in der Grundschule rasantere Annäherungsversuche erlebt. Doch so sehr er auch versuchte, das gedanklich ins Lächerliche zu ziehen. Es gefiel ihm genau so, wie es gerade war. Er konnte noch nicht mal ausschließen, dass er fluchen würde, wenn jetzt einer von den Security-Leuten kam, um sie zu befreien.

Dass Katja ihn so wissend anlächelte, machte es nicht besser. Gerrit sprang auf. »Ich gehe dann auch mal ... die Waschräume sind da hinten, richtig?« Ohne auf ihre Antwort zu warten, schlenderte er bemüh gelassen den Gang entlang. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie ihm die lässige Attitüde nicht abkaufte.

Weitere Teile des Blogromans »48 Stunden zwischen Himmel und Parterre« lesen Sie immer donnerstags und montags.

Aktuelle Einträge
Archiv